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Niederrheinische Totenzettelsammlung Kleve

  • totenzettel1
  • 25. Nov. 2020
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 3. Aug. 2021





„Das Bild ist einprägsamer als die Schrift

und nachhaltiger als das Wort."


Zu dieser Erkenntnis ist auch die katholische Kirche schon früh gekommen.

Davor waren bereits im Mittelalter Wandbilder als Bücher der Armen (biblia pauperum) bekannt. Viele Jahrhunderte gibt es vor allem in der

katholischen Kirche den Brauch, durch Bilder die Erinnerungen an Verstorbene über das Lebensende hinaus lebendig zu halten. Doch dieses christliche Brauchtum droht völlig in Vergessenheit zu geraten. Die Tradition, Verstorbenen mit einem Totenzettel zu gedenken, schwindet. Gehörte der Brauch vor Jahren noch zum festen Bestandteil einer Beisetzung, werden Totenzettel heute höchstens bei vier von zehn Beerdigungen an die Trauernden verteilt.


Seit mehr als 30 Jahren beschäftige ich mich mit Totenzetteln. Es ist mein Hobby, das letzte Schriftstück zu sammeln, das an Verstorbene erinnert. Auslöser für diese Leidenschaft war eine Zigarrenkiste, die ich von einer Cousine meiner Mutter bekam. Randvoll mit Sterbezetteln. Zunächst ging es mir darum, mit diesen Schriftstücken die Geschichte meiner Vorfahren zu erforschen. Dabei blieb es nicht, denn irgendwann war ich mit der Verwandtschaft durch. Mich faszinierte die Entwicklung der Sterbebildchen und die Geschichten, die sie erzählten, denn jede Zeit hat ihren eigenen Zettel. Während die heutigen Totenzettel meist nur noch Namen sowie Geburts- und Sterbedatum an persönlichen Daten preisgeben, gab es Epochen, in denen der komplette Lebenslauf abgedruckt war.



Ein typisches Merkmal in der Mitte des letzten Jahrhunderts war es etwa, dass bei verstorbenen Frauen geschrieben wurde: "Frau Paul Koch entschlief…". Da wurde konsequent der Name des Mannes abgedruckt, woraus man durchaus Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Situation ziehen konnte. Ständig verändert hat sich auch die Gestaltung der Zettel. Aber ein Motiv ist immer wieder aktuell: Die betenden Hände von Albrecht Dürer auf der vorderen Seite.


Ob Helmut Kohl, J. F. Kennedy, Kardinal Lehmann oder verschiedene Päpste, ob Minister oder Könige, ist eigentlich egal. Mir geht es bei meiner Sammelleidenschaft nicht in erster Linie um Prominente. Es ist schön, diese auch in seinem Bestand zu haben. Meine Sammelgebiete sind aber die Toten des Nieder­rheins, des Bistums Münster und den angrenzenden Niederlanden. Wobei auch alle anderen Totenzettel willkommen sind.


Allerdings wird es, aufgrund des schwindenden Brauchs, immer schwieriger, an neue Sterbebildchen zu kommen. Für mich ist dieses Phänomen auch ein Zeichen dafür, dass ein weiteres Stück der ohnehin schon dahinsiechenden Beerdigungskultur verloren geht. Wie oft liest man in der Zeitung, dass die Beisetzung im engsten Familienkreis stattgefunden hat. Mit dem Tod offen umzugehen, ist immer noch für viele ein Tabu.

Viele Menschen empfinden den Gedanken an Tod und Sterben offenbar beängstigend. Es fehlen heute Rituale, die den Umgang mit der Vergänglichkeit erleichtern. Ich bin der Ansicht, dass die Erstellung eines Totenzettels ein Stück Trauerbewältigung darstellt. Es ist hilfreich, um besser über den Verlust des Menschen hinwegzukommen. Wenn man einen individuellen Sterbezettel erstellt, befasst man sich noch einmal intensiv mit dem Verstorbenen. Und das ist gut und wichtig.



Totenzettel wurden früher in der Regel ins Gebetbuch gelegt. Und da gehören sie auch hin. Der Sinn des Papiers ist es nämlich auch, dass sie einem beim Blättern im Gotteslob während der Messe in die Hände fallen. Dadurch würde man sich wieder mit dem Menschen beschäftigen. Aber auch dieser Brauch stirbt aus. Wer geht denn heute noch mit seinem eigenen Gebetbuch in die Kirche?

Demnach werden also auch Sterbezettel nicht dabei helfen, erneut über die Verstorbenen nachzudenken.


Ein kurzer geschichtlicher Abriss über Totenzettel und deren Entstehung.

Begrifflich gehören die Totenzettel (in anderen Landschaften Deutschlands oder anderen Ländern auch Sterbezettel, Sterbebildchen oder Leidbildchen genannt) zum Gebiet der „kleinen Andachtsbilder“ oder zur „Devotionalkunst“ allgemein.


Ein Andachtsbild ist ein Bild zur inneren Andacht.

Diese Andachtsbilder sind Teile von Holzplastiken, die durch die Herauslösung bestimmter Motive aus den herkömmlichen Szenen entstanden. „Andachtsbilder“ dienen der privaten Erbauung und sind einfache graphische oder gemalte Bilder.


Wichtige Anstöße für diese Andachtsbilder waren sicher auch die mitgebrachten Ikonen nach der Besetzung Konstantinopels im 13. Jahrhundert.

(Hans Belting: Das Bild und sein Publikum im Mittelalter, 3. Auflage Berlin 2000)



Einen ersten Hinweis zur Entstehungsgeschichte findet man im Hamalandmuseum in Vreden, in dem auf das 13. Jahrhundert als Entstehungszeit des kleinen Andachtsbildes hingewiesen wird.

Um das Jahr 1250 wird das bisher älteste kleine Andachtsbild (Fund im Kloster Winhausen) auch an anderer Stelle datiert. (Burkhard Schwering: Volkskunde Betrachtungen zum kleinen Andachtsbild, in: Kalender für das Klever Land 1978, S. 115.)


Die Ursprünge bildhafter Darstellungen reichen aber viel weiter zurück. Sie beruhen auf der frühen kirchlichen Erkenntnis, dass einprägsamer als die Schrift und nachhaltiger als das Wort die bildhafte Darstellung sei.

Papst Gregor der Große (590-604) hat schon die Wandbilder als die Bücher der Ungebildeten gepriesen. Das zweite Konzil von Nicäa (787) legte die pädagogische Bedeutung des Bildwerkes fest und damit war sehr frühzeitig allgemein die Frage nach dem Wert und nach der Berechtigung der Bilder für die Kirche entschieden. Bemüht blieb man in der Folgezeit nur um die „richtige“ künstlerische Darstellungsweise dieser religiösen Bilder.


Von evangelischer Seite wurde ein derartiger „Bilderdienst“ abgelehnt, wenn es aber auch einige Gruppen mit positiven Einstellungen gab. Auch heute noch gibt es nur vereinzelt in der evangelischen Kirche Totenzettel.


Aus dieser Grundhaltung heraus entstand später dann auch das kleine Andachtsbild, das, gelöst vom Buch, Kirchenwänden oder Klostermauern, Zugang zu den Familien oder zu Einzelpersönlichkeiten fand und als persönlicher Besitz neben der religiösen auch eine kulturgeschichtliche Aufgabe erfüllte.


Der Totenzettel in seiner heutigen Form ist nach der Darstellung von Adolf Spamer

erst im 18. Jahrhundert entstanden, wenn es auch vielfältige Vorbilder gibt. Im Grunde ist es nichts anderes als eine künstlerische Nachahmung der Todesanzeige, die ebenfalls klösterlichen Ursprungs war.


Dr. Peter Löffler, Oberarchivrat des Bistumsarchivs in Münster stellte seinerseits fest:

„Die Anfänge der Totenzettel sind im Brauchtum des kirchlichen Bruderschaftswesens zu suchen. Dort war es, mindestens seit dem 17. Jahrhundert, üblich, mittels vorgedruckter Zettel (bei denen nur noch der Name des Verstorbenen einzuschreiben war) die Mitglieder der Bruderschaft zur gemeinsamen Totenfeier mit Virgil, Totenmesse und Zotenmahl einzuladen. Der äußeren Form nach glichen diese Benachrichtigungen den heutigen Totenbriefen.“


Schon in den ersten christlichen Jahrhunderten gab es den Brauch, in elfenbeinernen Tafeln ein Pergamentblatt mit dem Namen eines oder mehrerer verstorbener Priester und Freunde und Gönner der Kirche einzulegen und ihrer im Gebet zu gedenken. Diese Sitte wurde von den Benediktinern ausgebaut, die sich Totenrollen zur Verlesung bei der Messe anlegten. Auch wurde beim Tod einer angesehenen Persönlichkeit wie beim Papst, Bischof oder Abt das Ableben auf einer Pergamentrolle vermerkt und diese durch Boten von Kloster zu Kloster gesandt. Derartige klösterliche Todesanzeigen sind seit dem 9. Jahrhundert bekannt.


Die gedruckte Todesanzeige tauchte erstmals in Wien 1493 bei der Leichenfeier für Kaiser Friedrich III auf. Es war ein Blatt größeren Formats, das im Text Lobrede und Beileidbekundung zugleich ausdrückte. Je nach Stand des Verstorbenen änderte sich die Größe der Anzeige und bis ins 18. Jahrhundert waren diese Totenzettel nur Textzettel, nur mit ein paar Emblemen geschmückt.



Neben Leichenpredigten, Gedächtnis- und Ehrensäulen gab es auch bilderbogenartige Darstellungen fürstlicher Leichenzüge und Kupferstiche von Grabmalen.

Totenbettbilder als Miniaturen in Öl- oder Wasserfarben wurden in Adels- und Hofkreisen zu Gebetbucheinlagen verwendet.

Von dem Gebetbuch der Kaiserin Maria Theresia sind 15 Sterbebilder, teils handschriftlicher Eintragung über den Todes- und teils auch über den Geburtstag, erhalten, darunter ein Sterbegedenkbild von Kaiser Leopold I. († 1705).


In der Zeit des Empire (Beginn des 19. Jahrhunderts) wurde der Totenzettel auch in den wohlhabenden bürgerlichen Familien üblich. Hierbei handelt es sich aber um Bilder des Verstorbenen von seiner Aufbahrung. Im Gegensatz zum heutigen Totenzettel, der das Gedenken mit dem religiösen Gebetsanliegen verbindet und oft eine Fotografie des Verstorbenen zu Lebzeiten enthält.


Wann zum ersten Mal ein „Kleines Andachtsbild“ durch rückseitigen Aufdruck zu einem „Totenzettel“ wurde, ist zeitlich und räumlich nicht genau festzustellen. In Belgien kamen nach der Mitte des 18. Jahrhunderts zweiseitig bedruckte Gebetbuchbilder als Sterbebilder auf. Hierzu griff man auf die alten Kupferplatten der großen religiösen Bildverlage zurück. Der neue Brauch verbreitete sich schnell nach Frankreich, Deutschland und Italien.


Das Andachtsbild ist aber nicht nur ein künstlerisches und stilistisches Problem.

Wie im 15. Jahrhundert, in dem Reste geistlicher Nonnendichtung im Andachtsbild weiterleben oder im frühen 17. Jahrhundert, als flämische Jesuitenwerke die kleinen Bildchen begleiteten, so ist auch im 17. und 18. Jahrhundert das Gebetbucheinlagebild in den deutsch—und romanischsprachigen Ländern neben der graphischen auch eine literarische Angelegenheit.

Seit 1829 kam aus Flandern der Brauch auf, „Seelengedichte“ zu verfassen und auf den Totenzetteln wiederzugeben.



Im Gegensatz dazu wird in niederländischen Quellen das Jahr 1668 als Entstehungsjahr der „Bidprentjes“ angegeben. Es wurde ausgeführt, dass es Totenzettel seit dem Jahre 1668 mit den geschriebenen und seit 1730 mit gedruckten Texten gebe. Die ältesten Exemplare kamen aus Amsterdam, waren aber mit Antwerpener Gravuren versehen. Von Amsterdam verbreiteten sich der Totenzettelbrauch über die Niederlande, beschränkt aber auf die höheren Stände. Nach kurzer Pause zur Zeit der französischen Revolution wurde der Brauch bei der gesamten Bevölkerung üblich.

Die Verbreitung über Amsterdam hinaus erfolgte nach Frankreich, Deutschland, Österreich, Irland, USA bis hin nach Kanada. In andere Länder kommen Totenzettel nur sporadisch vor, bei slawischen Völkern ist der Totenzettel eine Ausnahme.


In der textlichen Gestaltung ging nach 1800 die ursprüngliche Einfachheit (Name, Titel und Sterbedatum, nebst R.I.P.) verloren und es wurden ausführliche biographische Besonderheiten, Zitate aus der heiligen Schrift, aus der Liturgie, auch Ablassgebete aufgenommen. Sinn war, des Verstorbenen zu gedenken, ihn zu loben und ihm durch Gebete zu helfen. Aber auch die Lebenden sollten gemahnt und getröstet werden.


Die graphische Gestaltung folgte meist dem Zeitgeschmack und wurde seit der Pariser Zeit (1850-1910) zunehmend schlechter. Erst seit etwa 1930 trat durch eine neue liturgische Bewegung eine Änderung ein.


Die Erfindung der Fotographie blieb nicht ohne Einfluss auf die Totenzettel. Bereits 1846 gibt es erste Beispiele fotographischer Wiedergaben auf Totenzettel. Dieser Brauch ist heute weit verbreitet, vorwiegend in südlich gelegenen Ländern.

Aus der Schweiz stammen die „Leidbildchen“. Sie werden als Einladung oder bei der kirchlichen Feier des Dreißigsten (= entspricht dem Sechswochenamt) ausgegeben. Ein gleiches Bild wird meist am Grabstein oder auf einer besonderen kleinen Marmortafel neben dem Grabstein angebracht.


Das Andachtsbild und später auch der Totenzettel fand nicht nur weite Verbreitung, sondern frühzeitig schon Sammler.

Es gab Spezialsammlungen (z.B. John Wesslers Verzeichnis von Miniaturen, Spitzenschnitten und sonstigen Einlagebildchen mit Darstellungen der hl. Apollonia, das über 100 Blätter des 15.-19. Jahrhunderts umfasst, oder Isak Collijns „Iconographia Birgittina typographia“.

Liebhabersammlungen von Einlegebildchen gibt es vor allem in Bayern, Österreich und in der Schweiz. Bei Antiquaren und auf Auktionen erzielten Andachtsbilchen schon früh beachtliche Preise. Daneben belebten Ausstellungen in verschieden Städten das allgemeine Interesse am Andachtsbild: 1914 in Antwerpen, 1919 in Basel, 1921 in Darmstadt, 1921 in Zürich und andere mehr.

Eine bis dato fast unbekannte Sammlung von 100.00 Blatt wurde im Jahre 1921 in Linz/Donau zu einer erfolgreichen Ausstellung und anlässlich des Stuttgarter Katholikentages 1925 wurde eine breit angelegte Ausstellung veranstaltet.

Eine konzentrierte Totenzettelsammlung im Klever Raum ist die von Martin Wennekers in Kleve mit rund 45000 Totenzetteln, vor allem mit Exponaten vom Niederrhein.


Sammler, Wissenschaftler und Genealogen befassen sich auch heute noch ausführlich mit den religiösen Personaldokumenten, wie sie vor allem seit dem 19. Jahrhundert überliefert sind und hierzu gehören auf jeden Fall die Totenzettel.

Tatsächlich darf man den kleinen, unscheinbaren Totelzettel nach seiner Entstehung, deren Wurzeln Jahrhunderte zurückreichen und auch nach seiner Bedeutung für die genealogische Forschung, nicht unbeachtet lassen. Ich sehe sie als eine wertvolle Bereicherung für familiengeschichtliche Darstellungen an. H.W.J. Derksen, seinerzeit Chefredakteur des „De Gelderlander“, schrieb einmal in einem Artikel, „dass die Totenzettel wegen ihrer genealogischen, ikonographischen und kunsthistorischen Bedeutung von großem Nutzen sein können und dass dieser Jahrhunderte alte niederländischer Brauch noch lange erhalten bleiben möge.“


Ich persönlich hoffe, dass dieser alte Volksbrauch erhalten, gepflegt und erneuert wird. Wünschenswert wäre auch, dass der biographische Teil, der heute fast nur noch auf Geburts- und Sterbedaten reduziert wurde, wieder erweitert wird.

Auch der hierzulande lange vergessene und in anderen Landesteilen übliche Brauch der Fotographie auf dem Totenzettel sollte wieder fester Bestandteil werden.



Literatur:


Belting, Hans: Das Bild und sein Publikum im Mittelalter, 3. Auflage Berlin 2000

Bergh van den, K.: Bidprentjes in de Zuidlijke Nederlanden, Brüssel 1975

Dellmann, Hermann Th.: Die Entstehung der Totenzettel, MOSAIK-Heft 7/1980

Löffler, Peter Dr.: Studien zum Totenbrauchtum in den Gilden, Bruderschaften

und Nachbarschaften Westfalens von Ende des 15. bis Ende des

19. Jahrhunderts, Münster 1975

Schwering, Burkhard: Volkskunde: Betrachtungen zum kleinen Andachtsbild:

Im Kalender für das Klever Land 1978, S. 115



 
 
 

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